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Prime News 22.10.2026 Kultur

Kopfkino statt Handy: Märchenboom in der Region

Im Restaurant Isaak lanciert Denise Racine eine Erzählreihe, in Oltingen startet sie das Erzählfestival «Fabelhaft» – mit Erfolg.

von Claude Bühler

«Der Samstag wird rammelvoll»: Denise Racine meint ihr Erzählfestival «Fabelhaft», das sie gemeinsam mit der Erzählkünstlerin Michèle M. Salmony Di Stefano ins Leben rief. Obgleich das Festival am kommenden Wochenende erstmals über die Bühne geht, mussten sie die Voranmeldungen stoppen – damit auch noch Spontan-Publikum die Obere Mühle in Oltingen besuchen kann.

Wie bitte? Ein Erzähl-Festival ohne Stars, das in der hinteren Ecke des Baselbiets über die Bühne geht, wird überlaufen? «Erzählen liegt absolut im Trend – und es ist auch durchaus heilsam, in Zeiten der Bilder- und Video-Flut das eigene Kopfkino zu trainieren», zeigt sich Racine überzeugt.

Sie wehrt sich auch gegen die Vorstellung, dass Märchen eine Kindersache seien. «Die Gebrüder Grimm haben ihre Märchen für Erwachsene geschrieben, nicht für Kinder.» Wir alle könnten staunen und betroffen werden.

Immer mehr zertifizierte Erzähler auf den Kleinbühnen

Dass das Erzählen hierzulande boomt, zeigt sich etwa auch bei den vermehrten Ausbildungsangeboten. Die Schweizerische Märchengesellschaft in Thalwil bietet ab Frühjahr einen neuen Lehrgang in freiem Erzählen an. Und bei der Mutabor-Schule im Emmental, die Märchen-Seminare anbietet, feierte man vor drei Jahren bereits das 30-jährige Jubiläum.

Seither drängen immer mehr zertifizierte Erzählerinnen und Erzähler auf die Kleinbühnen – auch beim Fabelhaft-Festival in Oltingen verweisen mehrere Acts darauf.

(Video: Die Winterthurerin Miriflu Engeler tritt am Samstagnachmittag auf)

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Das Festival besticht nicht nur mit einer Vielzahl regionaler und nationaler Erzählerinnen und Erzähler. Das Programm ist auch clever aufgebaut. Es startet diesen Freitag mit einer «Offenen Bühne»: Wer wagt sich spontan mit einer Erzählung vor das Publikum? Nach sieben Minuten ertönt erbarmungslos der Gong – gut, wenn man dann das Finale oder die Pointe bereits zum Besten gegeben hat.

Der Samstag gehört den Erzählerinnen und Erzählern, der Sonntag dem «Gottesdienst mit Geschichten» und dem «Familiennachmittag» mit Geschichten für Menschen ab fünf Jahren und Bastel-Möglichkeiten.

Der Kick beim Erzählen: Zwischen Comedian und Seelenbildern

Warum aber plant man sowas ab vom Schuss? «Weil Basel kulturell so überlaufen ist», erläutert Racine. Ihr und Salmony Di Stefano gelang es, mehr als 20 Leute ins Oberbaselbiet zu locken, die seit Jahren mit Geschichten, Märchen und Sagen das Publikum in ihren Bann ziehen. Die Rechnung scheint auch ohne viel Vorberichte in den Medien aufzugehen.

Was ist denn der Kick am Erzählen – in einer Zeit, wo das Display eines Handys mit einer süchtig machenden Abfolge von bildlichen Drama-Höhepunkten aufwartet? Racine kontert: Was bitte machen denn die heutzutage beliebten Comedians anders, als allein auf die Bühne zu stehen und zu reden?

(Video: Erzählkünstlerin Michèle M. Salmony Di Stefano)

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«Wenn wir Märchen, Mythen oder Sagen erzählen, entstehen direkt vor uns Seelenbilder, universell wie im Traum», so Denise Racine, die sich vor 20 Jahren erstmals als Erzählerin mit einer «Gruselgeschichte» vor ein Publikum wagte. Geschichten sind oft hochdramatisch.

«Märchen beginnen beispielsweise oft mit einer Notsituation, unsere Heldin oder unser Held wächst an deren Bewältigung, verändert sich mit seiner Geschichte».

Karriere-Start bei einer Regie-Legende

Racine arbeitet zudem mit Toneffekten, Geräuschen ab Band, leisen Klängen von Instrumenten. «Die erzeugen sofort Atmosphäre und Spannung, wie im Film oder Hörspiel». Seit acht Jahren spielt sie Akkordeon, um ihre selbstverfassten Lieder in den Stücken zu begleiten. Auch eine Reihe von Saiteninstrumenten oder Trommeln kommen zum Einsatz, mit denen sie auch ihr Mann Klemens Dossinger begleitet.

Wer erzählt, kann tausend solcher Mittel einsetzen. «Aus meinem Schal werden in Windeseile die Flügel eines Vogels, ein Turban, ein Teppich – und man erlebt live die Verwandlung mit.» Kleine Wunder, die Staunen hervorrufen. Gesehen hat sie diese Effekte auch im Pariser Theater des britischen Film- und Theaterregisseurs Peter Brook, das sie in nächster Nähe erlebte.

1980 hütete sie als Au-pair-Mädchen ein Jahr lang den Sohn eines Schauspiel-Ehepaars, das damals mit Brook arbeitete. Aus Begeisterung für das Theater belegte sie Kurse in der «Lecoq»-Methode – einem stark körperbetonten Schauspielkonzept. Racine nahm Gesangsunterricht. Bei der Basler Schauspielerin Ingeborg Brun lernt sie präzise Rollenverkörperung und Sprachgestaltung.

Die Artus-Sage als Solotheater

Der Funke für das Erzählen zündete jedoch während der Erzählnächte auf dem «Basler Jugendbücherschiff», wo seit Jahrzehnten Schulkindern Bücher und ihre Welten nahegebracht werden. Da erkannte die inzwischen ausgebildete Bibliothekarin ihr Talent, begann in Geschichten Passagen in Dialoge umzuschreiben, «damit ich Erzähltes auch in Szenen und verschiedenen Rollen spielen und emotional vorleben kann.»

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Mittlerweile hat sie sich ein grosses Repertoire aus orientalischen, deutschen (etwa Grimm’schen), schottischen Geschichten erarbeitet – darunter sogar den Mammut-Stoff der Artus-Sage.

Aber das Schlagende der Erzählkunst ist für Racine die direkte Interaktion, «wenn man während des Spiels die Reaktion des Publikums spürt». Gerade Stille kann hochintensiv sein, sagt sie.

Neue Erzählreihe im Kellertheater des Isaak

Auch wenn die Schauspielerin ihre vielfältige Erzählkunst über die Jahre verfeinert hat und mit ihrem «SoloTheater» regelmässig auftritt, ist sie eine Bewunderin geblieben. Etwa von Brigitte Hirsig. Racine hat erlebt, wie die Bernerin einen Saal mit 800 Leuten in den Bann zog. «Die kann aus dem Stegreif Geschichten frei improvisieren, etwa mit drei Begriffen, die man ihr zuruft», begeistert sie sich.

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Hirsig tritt als erste Erzählerin in Racines «Raconterie» auf, einer neuen Reihe von Erzählabenden im Keller des Restaurants Isaak, die die Baslerin nach mehreren Auftritten dort lanciert. Bislang sieht das Programm pro Monat einen Auftritt vor, inklusive Racines eigenen Aufführungen.

Um auch Publikum mit knapper Kasse zuzulassen, verzichtet Denise Racine auf Ticketpreise, sondern setzt auf eine Kollekte mit Richtpreis. Dieser liegt bei 30 Franken. Dass am Ende laut Racine meist ebenso viel wie bei normalem Ticketing hereinkomme, kann man als zunehmende Wertschätzung lesen.